Wie ich durch Anthony Hopkins gelernt habe, worauf ich beim Inszenieren von Dialogen drauf achten muss und wie Netflix drauf scheisst.

Netflix ist omnipräsent: Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Nieschenanbieter zur Video on Demand Plattform Nummer 1 gemausert. Vor allem Serienjunkies kommen hier voll auf ihre Kosten. Als meine Freundin kurz davor war, das Kabelfernsehen zu kündigen, weil man ja alles auch einfach streamen kann, ging mir dies ein wenig zu weit. Obwohl ich selberst außer dem Tatort wirklich nichts mehr davon schaue. Trotzdem – unbestritten hat Netflix die Art wie wir Filme und Serien konsumieren revolutioniert wie kein zweites Portal. Bingewatching (Wikipedialink) hat die Wohn- & Schlafzimmer der Nation erobert. Vielleicht ist es gar nicht notwending zu erwähnen, dass ich kein Fan davon bin. Das Besondere eines jeden Films, einer jeden Serie geht schnell verloren, wenn nur mit einem Knopfdruck immer immer mehr in Reichweite ist.

Genau auf der Suche nach „diesem Besonderen“ war ich kürzlich in der Vorbereitung für einen Dialogwerbefilm. Zweifelsohne ist dies immer eine noch größere Herausforderung als das stumme Arbeiten mit Schauspielern. So hat vermutlich auch jeder Regisseur und Filmschaffende seine eigenen Ansätze Dialoge zu inszenieren. Bei der Vorbereitung auf das Skript und die Dialoge, stieß ich auf einen Link, den ich mir vor einiger Zeit schon einmal angeschaut habe.

In diesem Video wird beschrieben wie präzise Anthony Hopkins seine Dialoge betont, wo er kurze Pausen einbaut und wie er dabei rüber kommt. Die 8 Minuten lohnen sich - wirklich. Ich kann sie jedem Filmschaffenden nur wärmstens ans Herz legen.

Die weitere Vorbereitung lag vor allen Dingen, in der einen Tätigkeit: Durch die Wohnung zu laufen, meine Freundin dabei wahnsinnig zu machen, indem ich immer und immer wieder das Skript und vor allem die unterschiedlichen Dialoge laut vorgelesen habe und versucht habe, Pausen zu setzen. Und tatsächlich – sie sind völlig entscheidend für die Stimmung einer Szene. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass gut gesetzte Pausen, eine gute von einer großartigen Szene unterscheidet. Dies ist der eine Unterschied, wo sich das geschriebene vom gesprochenen Skript unterscheidet. Mit diesem kleinen, aber so essenziellen Stilmittel kreiert man Unterschiede. Um nicht zu sagen: das Besondere.

Und nun das, was meiner Meinung nach bei Netflix fehlt. Es gibt einen interessanten Trend auf dem Streaming Riesen. Immer mehr User tendieren dazu, vor allem Serien, in doppelter Geschwindigkeit abzuspielen. So, und fast nur so, ist es möglich, alle neuen Serien zu konsumieren, geht man davon aus, dass man noch mind. 8 Stunden am Tag mit etwas anderem beschäftigt ist. Das Online Magazin Quartz schreibt dazu:

“Netflix released a ridiculous amount of original programming in 2018. How ridiculous? By Quartz’s measure, the streaming-video giant put out nearly 90,000 minutes—close to 1,500 hours—of original series, movies, and other productions this year. That’s nearly nine consecutive weeks of binge-watching. It would have taken more than four hours of streaming per day, every day of 2018, to watch all of it.”
— https://qz.com/1505030/keeping-up-with-netflix-originals-is-basically-a-part-time-job-now/

Und dieses bezieht sich nur auf die Netflix Originals. Nicht eine andere Serie, die nicht von Netflix selbst produziert wurde, wohl aber zum Streamen verfügbar ist, wird hier berücksichtigt.

Die grobe Handlung sei bei Speedbinging immer noch erkennbar. Mag sein – aber das Besondere, was ist damit? Die aufwändig vom Regisseur und den Schauspielern inszenierte Geschichten und eben die viel beschriebenen Pausen. Diese gehen wohl beim Abspielen in doppelter Zeit schlichtweg verloren. Und somit doch auch das Besondere. Dies beschäftigt natürlich mich als Filmemacher. Aber auch für den Serienfan: Möchte ich nicht mit einer guten Serie möglichst viel Zeit verspringen? Wie schlimm war doch das Gefühl, als mein All Time Favorite Friends dann wirklich vorbei war. Nichts Neues mehr kam von all den Jokes und Geschichten, die mich so lang begleitet haben. Von daher: Genießt jede Sekunde - das bringt mir zumindest wesentlich mehr Spaß als sie vorzuspuhlen.